Veröffentlicht von Sabine Schröter am Sa., 6. Mär. 2021 10:28 Uhr



Am 1. März 2021 führte Alfred Cybulska ein Interview mit der Leiterin der „Tegelorter Kirchenmäuse“ Melanie Müller und Tanja Juhre, die in der Gemeinde in Vertretung von Anna Scheibelhofer die Arbeit mit Kindern und Familien leitet.

Liebe Melanie, die Arbeit der Kitas findet ja seit Jahren immer mehr gesellschaftliche Wertschätzung - und nun in Coronazeiten ganz besonders. Wie geht es dir und deinem Team in Tegelort zurzeit?

Melanie: Eine spannende Frage. Ich kann sagen: Da bin ich zwiegespalten. Es ist ja so, dass wir von Anfang an eine Doppelbelastung hatten. Wir hatten 50% Auslastung und eigentlich keine Notbetreuung. Wir sind am 4. Januar gestartet und hatten 15 Kinder. Das Problem an der Sache ist aber, dass ich Mitarbeiter*innen habe, die selber Mütter bzw. Vater sind und dadurch eine Doppelbelastung haben: Homeschooling und Erzieher*in sein. Wie sollten wir dem gerecht werden? Also haben wir geguckt, dass die ersten Kolleginnen ins Homeoffice gehen konnten oder es wurden Überstunden und Urlaubstage abgebummelt. Das war nicht leicht. Und es war auch nicht leicht den Eltern zu vermitteln, dass wir nicht alle da sind und zumindest in der Nachmittagsbetreuung nur die kommen können, die das wirklich brauchten. Letztlich muss ich aber unsere Eltern loben. Wir hatten wirklich nur die Kinder, deren Eltern systemrelevante Berufe haben, entweder beide oder die alleinerziehend waren. Erschreckend fand ich in der Situation allerdings, dass wir durch Corona gemerkt haben, dass uns eine Plattform fehlt. Also man braucht uns, wir sind auch immer da gewesen, aber keiner hatte so richtig Lust, sich mit uns zu beschäftigen. Man wollte damals alles offen halten, aber es gab z.B. keine Masken. Damals zumindest nicht.

Und die ersten Hygienekonzepte waren im Grunde gar nicht umsetzbar. Ich kann zwar jede Stunde lüften, aber nicht jede Stunde Türklinken, Waschbecken oder Möbel desinfizieren. Und dann ist es auch schwierig, weil wir so eine kleine Einrichtung sind. Ich habe ja Geschwisterpaare in beiden Gruppen. Was bringt da eine Gruppentrennung? Und dann der kleine Garten… Also wir haben die Gruppen getrennt, aber nicht im Garten. Jetzt dürfen wir 60% betreuen, das wären bei uns 3 Kinder mehr. Aber wer will das entscheiden, wer kommen darf? Da haben wir uns mit dem Träger zusammengesetzt und ein Konzept „gestrickt“, bei dem jedes Kind zwei Tage in der Woche kommen darf, bis zum Mittagessen. Damit sind schon einmal die Vorschulkinder wieder da. Aber auch für die Kleinsten ist es so wichtig, dass sie mal wieder in Gemeinschaft sind. Man merkt das bei den Kleinen: Wir verlieren die Kinder nach so langer Zeit. Die waren jetzt 12 Wochen nicht bei uns, das ist schwierig, die wieder abzuholen. Darüber habe ich mir in der Tat die größten Sorgen gemacht: Wie bleiben wir an den Kindern dran? Natürlich haben die Bastelmaterialien bekommen und Fingerspiele und Lieder, aber das ist etwas anderes, als wenn man die Kinder vor Ort hat. Und auch da wieder großes Lob an die Eltern; denn ich habe mit allen Familien individuelle Absprachen getroffen, welche Tage für sie passen. Und alle Eltern haben mitgezogen und waren dankbar für die zwei Tage, die sie nun haben. Aber: Wir sind jetzt an dem Punkt, dass wir immer noch Homeschooling haben, ich aber das Personal brauche, darum gehen wir etwas auf dem Zahnfleisch.

Vorhin hast du gesagt, ihr hättet politisch keine Plattform. Immerhin haben wir die GEW. Was hättest du dir denn gewünscht?

Na, dass Frau Scheeres sich mit uns und der Gewerkschaft hingesetzt hätte, um zu überlegen, was gemacht werden kann. Was ist realistisch umsetzbar?  Und dann ärgert mich auch ein bisschen, dass immer zuerst von den Lehrern die Rede ist, - Pause, Pause - und dann von den Erzieherinnen und Erziehern.

Vor 20 Jahren ist die Kita "Kirchenmäuse" aus einem Mini-Club hervorgegangen, der in vergleichsweise einfachen Räumlichkeiten am Schwarzspechtweg sein Zuhause hatte. Dann wurde das alte Gemeindezentrum, das hier auf dem Grundstück war, abgerissen und die Gemeinde hat diese schöne Kita bauen lassen.

Ich finde, optisch macht das Haus immer noch etwas her. Wie zufrieden bist du oder seid ihr mit dem Haus?

Melanie: Richtig, optisch ist unser Haus ein richtiges Pralinchen. Architekten haben immer tolle Ideen, aber manchmal gehen sie an der Welt der Kinder vorbei. Wir haben zwei Gruppenräume, aber nur ein kleines Bad, nur eine Garderobe, und das alles bei 30 Kindern. Für die Entfaltung der Kinder – und wir dürfen nicht vergessen: heute haben wir ein Bildungsprogramm - also nach heutigem Bildungsverständnis bräuchten wir mehr Platz. Ich muss allerdings sagen, ich habe jetzt in alten Unterlagen gelesen, dass die Kita damals für 20 Kinder geplant war…Ich will nicht meckern, wir haben eine schöne Kita.

Der Fokus von Kitaarbeit liegt ja heutzutage nicht mehr nur auf den Kindern, genauso in den Blick genommen werden inzwischen auch die Familien.

Nun ist noch Tanja Juhre in der Runde, die die Arbeit mit Kindern und Familien in der Gemeinde koordiniert. Wie macht ihr das? Gibt es Themen oder Bereiche, bei denen ihr zusammenarbeitet?

Tanja: Es gibt tatsächlich einige Bereich, wo wir zusammenarbeiten. Irgendwie ist da ein richtig guter Schwung reingekommen, weil wir fast gleichzeitig angefangen haben. Wir haben uns kennen gelernt und gedacht, das könnte funktionieren. Angefangen hat es mit musikalischer Früherziehung, einmal die Woche. Das mache ich hier im Gemeindezentrum, schleppe Trommeln und Xylophone her, und dann machen wir mit Gitarre und Klavier Musik. Dann kam das „Morgen-Halleluja“ hinzu, das ja vielleicht unsere neue Pfarrerin irgendwann wieder übernimmt. Dazu kommen die Kinder alle zwei Wochen in die Kirche, beide Gruppen im Wechsel. Wir hören Geschichten aus der Bibel, machen Musik, singen, beten.  Dann hätte es zu Nikolaus auch die Kinderbibelwoche gegeben, aber die ist Corona zum Opfer gefallen. Aber natürlich sind auch die Feiertage wie Weihnachten oder Ostern Zeiten, wo wir zusammenarbeiten. Aktuell machen wir zu Ostern einen Ostergarten. Im Kirchgarten stellen wir den Garten Gethsemane dar, wo auch die Kinder ihren Teil beisteuern werden. So stellen wir eine Verbindung her zur Kirche. Wenn wir dann zum Kindergottesdienst einladen, wissen die Kinder: Ach, da treffen wir Tanja und die singt mit uns. Und die letzten Male sind viele Kinder mit ihren Eltern am Freitagnachmittag direkt von der Kita zur Kirche gegangen. Das funktioniert seit Monaten eigentlich ganz gut.

Melanie: Tanja habe ich zunächst als Mutter kennen gelernt. Aber sie war mir zu Beginn gleich eine Hilfe. Als Pädagogin bin ich zum ersten Mal in einer evangelischen Kita. Als Kind bin ich  in Hermsdorf in den evangelischen Kindergarten gegangen, da gab es ebenfalls eine enge Verbindung mit der Kirchengemeinde. Auch mir ist das Gemeindeleben sehr wichtig. Als ich angefangen habe, hatte ich den Eindruck, dass die Verbindung zwischen Kita und Gemeinde nicht sehr eng war. Aber vielleicht lag das auch an Corona. Von daher bedaure ich auch diese räumliche Trennung zwischen Kita und Kirche. Was Tanja betrifft, muss man wissen: Weil sie wegen Corona ihre Gemeinde-Gruppen nicht machen konnte, habe ich sie irgendwann gefragt: Könntest du dir denn vorstellen, das mit unseren Kindern zu machen? Und das war gleich der Knaller. Dazu wäre es ohne Corona wahrscheinlich gar nicht gekommen. Letztlich ist es einfacher, wenn wir zusammenarbeiten, als wenn jeder seins macht. Man muss die Kinder kennen, und wenn die Kinder eine Beziehung zu uns haben, dann machen sie mit, dann gehen die auch in den Kindergottesdienst.

Neulich stand Tanja vor mir und sagte: Stell dir vor, heute hatten wir 50 Kinder im Kindergottesdienst. Da dacht ich nur: So möchte ich das, und nicht 15 Kindern. Man kriegt die Eltern nur in den Kindergottesdienst oder in den Ostergarten, wenn die Kinder was gemacht haben. Das sollte zwar irgendwann auch anders sein, aber letztlich geht das alles nur, wenn wir richtig gut zusammenarbeiten.

Wenn man im Berliner Bildungsprogramm den Bildungsbereich "Soziales und kulturelles Leben" aufschlägt, begegnet einem gleich ein bekanntes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: "Kinder brauchen Wurzeln und Flügel.- Wurzeln, um zu wissen, wo sie herkommen und Flügel, um die Welt zu erkunden." Welche Bedeutung hat so eine Aussage für euch beide?

Melanie: Das Zitat kenne ich, und das ist mir auch wichtig. Nun bin ich ganz andere Verhältnisse gewohnt. Ich habe sehr lange in sozialen Brennpunkten gearbeitet und war die letzten vier Jahre in einer reinen Flüchtlings-Kita. Da war ja nicht die Frage: Worin unterscheiden wir uns, sondern: Was verbindet uns miteinander? Ich hatte viele Nationalitäten, verschiedene Religionen, also haben wir uns gefragt: Was ist denn gleich bei uns? Als ich dann hierher kam, war das schon sehr anders. Hier hat jeder einen Papa, fast jeder wohnt in einem eigenen Haus, Oma und Opa sind auch in der Nähe …wir haben keine gleichgeschlechtlichen Eltern, keine verschiedenen Religionen, auch Menschen mit Beeinträchtigungen sind bei uns etwas Besonderes. Ich wünsche mir, dass wir das pädagogisch aufarbeiten, dass das nicht mehr etwas Besonderes ist. Das empfinde ich als Herausforderung. Also die Wurzeln haben die meisten Kinder hier. Man muss  eher die Flügelchen der Kinder stärken. Ihnen vermitteln, was sonst noch in der weiten Welt passiert. Das ist eher unser pädagogischer Auftrag.

Tanja: Ich bin ja hier eher die „Religionstante“, und als solche schaue ich schon auf den Glauben, den wir den Kindern vermitteln. Ich erlebe die Kinder oft  wie Schwämme: Sie saugen die Geschichten, die wir ihnen präsentieren, genau auf. Und Vertrauen, also Selbstvertrauen oder von mir aus auch Gottvertrauen, ist ja nicht selbstverständlich. Ich will, dass sie das Gefühl haben, sie können jederzeit zu uns kommen. Und sie sollen wissen:  es gibt einen, der auf sie aufpasst. Melanie hat schon Recht: Ich erinnere mich an einen Ausflug, den ich mit begleitet habe, zur einem Theaterbesuch in der Ameisenburg in Tegel. Wenn die Kinder in Tegel einen sitzen sehen mit einer Bierflasche, das können einige Kinder nicht begreifen…Natürlich ist es schön, dass sie wohlbehütet aufwachsen hier bei uns, aber sie müssen auch lernen, dass es außerhalb noch ein anderes Leben gibt. Und sie haben ja auch mal negative Gefühle, und ich möchte, dass sie dann eine Trommel nehmen und sich ausleben…Neulich haben wir das Lied gesungen: Gott hat alle Kinder lieb. Da habe ich gefragt: Wer sind denn alle Kinder? Na wir, sagen sie. Wie nur wir? Und dann kamen sie drauf: Ach, es gibt ja auch noch andere Kinder, in anderen Ländern, denen es nicht immer gut geht oder die an einen anderen Gott glauben usw.

Letzte Frage: Wird der Kitageburtstag denn noch richtig gefeiert? .... Zum Geburtstag wird man ja meistens überrascht, aber wenn ihr euch etwas wünschen dürftet, was wäre das?

Melanie: Also wenn sich die ganze Situation stabilisiert, dann wollen wir im Sommer im Kirchgarten feiern. Aber das steht in den Sternen. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich die Kita neben die Kirche setzen. Es sind zwar nur zwei Busstationen, aber es ist etwas anderes, wenn wir z.B. zu Mittag die Kirchenglocken hören.

Tanja: Ich wünsche mir, dass wir diese gute Zusammenarbeit fortsetzen können, auch wenn meine Vertretungszeit irgendwann vorbei ist. Und das andere ist, dass ich mir wünsche, dass die Kinder auch nach der Kita den Kontakt zur Gemeinde behalten, in die Konferzeit rutschen, Teamer werden und zu lebendigen Gemeindegliedern heranwachsen -  auf dass die Gemeinde wächst und gedeiht.

 Vielen Dank euch beiden für das Gespräch und alles Gute weiterhin.

Kategorien Aktuelles KTO