Veröffentlicht von Sabine Schröter am Mo., 5. Sep. 2022 00:00 Uhr

Nichts gesucht aber Alles gefunden – Taizé                                                              

Als ich mich für die Jugendfahrt nach Taizé angemeldet habe, stellte ich mich ehrlich gesagt eher auf eine lustige Woche in Frankreich mit ein paar coolen Leuten ein. Dass die Zeit in der Gemeinschaft dermaßen emotional und richtungsweisend für mich werden würde, ahnte ich keineswegs.

Ich kannte die Taizé-Andachten aus unserer Gemeinde, aber dass eigentlich noch so viel mehr dahintersteckt, war mir nicht bewusst. Taizé ist ein Ort in Frankreich, zu dem -vor allem Jugendliche- aus aller Welt von der dortigen Bruderschaft eingeladen sind, einander zu begegnen, zu beten und die ökumenische Bewegung zu erleben. Klingt schon eindrucksvoll, doch das reicht noch nicht, um zu verstehen was Taizé wirklich ist. Zumal eine Woche in Taizé nicht immer gleich eine Woche in Taizé bedeutet. Das konnte ich gleich bei meinem ersten Mal dort hautnah miterleben, denn ich entschloss mich nach der ersten Woche, spontan noch eine weitere Woche dort zu bleiben, während die Gruppe bereits wieder nach Berlin aufbrach. Um zu erklären, was mich zu dieser Entscheidung bewog, muss ich etwas weiter ausholen.

Als wir nach guten 13 Stunden Fahrt mit dem Gemeindebus ankamen und unsere Zelte aufbauten, erlebten wir bereits das erste Abendgebet. In Taizé wird jede Woche Ostern gefeiert, deshalb bekam jeder eine Kerze am Eingang. Während der Andacht wurde das Licht von Kerze zu Kerze weitergereicht, bis in der großen Kirche ungefähr 1500 Menschen bei Kerzenschein miteinander die Auferstehung feierten. Ich saß in den hinteren Reihen, betrachtete die leuchtende Kerze in meiner Hand, aber fühlte nahezu nichts. Ich begann mich zu fragen, was ich dort überhaupt machte und ob dies eigentlich der richtige Ort für mich war. In letzten Jahren hatte ich immer wieder Schwierigkeiten, Gottes Anwesenheit zu spüren und verlor immer mehr von meinem Glauben. Mir das einzugestehen, war wahrscheinlich der erste wichtige Schritt, den Taizé in mir bewog, ohne dass ich es mitbekam. Eine Woche später würde ich erneut eine solche Kerze betrachten und feststellen, dass sich einiges geändert hat und dass ich dort genau richtig war. Euphorisiert von Dankbarkeit und Hoffnung.

Ein Tag in Taizé beginnt mit dem ersten der drei täglichen gemeinsamen Gebete um 8.15 Uhr. Zwischen den Gebeten gibt es die gemeinsamen Mahlzeiten, Bibelgruppen und praktische Mitarbeit. Mein Job für die erste Woche war Meeting-Support. Eine untypische Aufgabe für die erste Taizé Erfahrung, da man nachts für Ruhe auf dem Gelände sorgt. Das späte Schlafengehen beeinflusst natürlich den typischen Tagesrhythmus und damit das Erlebnis. Daher entschloss ich mich nach den ersten Tagen, trotzdem früh aufzustehen, um nichts zu verpassen. Ich ging sogar so weit, an einem Morgen um 5.30 Uhr aufzustehen, um das Morgenlicht für Analogfotografie im anliegenden Ort Ameugny zu nutzen. Dabei begleitete mich eine freundliche Niederländerin, die ich im Meeting-Support Team kennengelernt hatte.

Den ganzen Tag über bieten sich in Taizé Gelegenheiten für Begegnungen. Menschen kennenzulernen ist hier gerne mal etwas anders, als man es gewöhnt ist. Smalltalk und Alltagsfragen werden schnell überwunden und weichen persönlichen Gesprächsthemen, die unter die Haut gehen. Auf diese Weise machte ich einige Bekanntschaften mit Jugendlichen aus der ganzen Welt, die schon in dieser kurzen Zeit zu wertvollen Freundschaften wuchsen. Währenddessen arbeitete die Kraft des Ortes weiterhin ohne Unterlass an mir, vor allem auch in den Gebeten. Ich schien mich immer weiter zu öffnen und dafür eine gewisse Verletzlichkeit zuzulassen. Das führte zu emotionalen Gesprächen in der Bibelgruppe und intensiven Augenblicken in der Kirche. Am Freitag kam es nun, wie es kommen musste. In meiner verletzlichen, emotionalen Schwebe brachte mich eine kleine Streitigkeit über WhatsApp dermaßen aus der Fassung, dass ich in Tränen ausbrach, obwohl ich nicht einmal genau wusste weshalb. Als ich mich wieder fing, ging ich in die Kirche, um mir einen Moment der Ruhe zu nehmen und im Gebet zu erforschen, was gerade passiert war. Stattdessen fing ich nach kurzer Stille in der Kirche erneut an, ohne Ende zu weinen. Nach einer Weile kam ein dort gewonnener Freund vorbei, sah mich und setzte sich zu mir. Er legte seine Hand auf meinen Rücken und begann für mich zu beten an. Er war nicht der Einzige, der für mich da war an diesem Tag.

Später am Abend begann es, in meinem Kopf Wellen zu schlagen. Ich fing an zu realisieren, wie sehr mir Gott in den letzten Tagen seine Anwesenheit zeigte. Es waren manchmal vielleicht nur Kleinigkeiten, aber ich schien immer genau das zu erfahren, was ich brauchte.

Ein Eintrag aus meinem Reisetagebuch von dem Abend: „Ich sitze gerade in der Abendandacht. Irgendetwas ist hier in der Luft. Wie ein heiliges Licht, das Wärme, Hoffnung, Frieden und Liebe spendet. Habe ich ein Glück!“ An diesem Abend kam mir auch die Idee, eine Woche länger zu bleiben, um herauszufinden, was all das zu bedeuten hatte, was ich an diesem Ort bereits erlebt hatte.

Die Zeit in Taizé ohne meine Gruppe und all die Leute aus der ersten Woche, erwies sich als eine vollkommen andere Erfahrung. Ich hatte viel Zeit für mich selbst und fühlte mich von Zeit zu Zeit auch ein bisschen Einsam. Mir fehlte der Antrieb viele der 2000 neu angekommenen Leute kennenzulernen. Ich beschoss, das zu nutzen, um auf eigene Faust Antworten auf meine Fragen zu finden, aber ich tat mich dabei schwer.

Am Dienstagabend beschloss ich, das Angebot der Brüder zu nutzen, mit einem von ihnen nach dem Abendgebet in der Kirche zu sprechen, während noch alle gemeinsam Taizé-Lieder sangen. Ich fragte den Bruder, wieso es mir in den letzten Tagen so schwerfalle, die Anwesenheit Gottes zu spüren, wie in der ersten Woche. Er antwortete mit ein paar Gegenfragen. Was sich seitdem verändert hätte. So kamen wir auf die Menschen zu sprechen, die gegangen und die gekommen sind. Ich fragte ihn, inwiefern die Menschen um mich herum die Möglichkeit meinen Glauben zu erfahren beeinflussen. Der Bruder erklärte mir, dass es durchaus eine Verbindung zwischen meiner Beziehung mit Gott und den Menschen um mich herumgäbe. Außerdem sei diese keine Unerhebliche. Er sprach von einer 50/50 Gewichtung. Die vertikale Beziehung zu Gott treffe auf die horizontale Beziehung zwischen mir und den Menschen um mich herum. Somit bildet sich ein Kreuz in dessen Mitte Jesus ist, der beides war, sowohl Mensch als auch Gott. Wenn eine dieser Beziehungen aus den Fugen gerät, beeinflusse das unmittelbar die Andere. Er fuhr damit fort, dass das natürlich keine exakte Antwort auf die Frage sei, wie ich das in den Griff bekommen könne, aber dass es darum auch gar nicht immer ginge. Manchmal sei eine gute Frage viel wichtiger als eine gute Antwort. Auf eine Antwort folge die nächste Frage und die Nächste... Eine wirklich gute Frage hingegen könne viel nachhaltiger bereichern. Eine Richtung weisen und auf den richtigen Weg leiten. Er schrieb mir noch „God is Love“ und daneben eine Bibelstelle in mein Reisetagebuch, schüttelte mir die Hand und wünschte mir alles Gute, bis wir uns einmal wiedersehen. Ich war selten so aufgeregt, wie nach diesem Gespräch. Auf eine positive Weise. Ich hatte das Gefühl, Gott selbst hatte alles so herbeigeführt und zwar mit allem was mich dorthin brachte. Er verlieh mir eine unglaubliche Energie, die ich nutzen konnte, um mich intensiv mit meinem verlorenen Glauben zu beschäftigen. Er gab mir die Gelegenheit in einer sicheren Umgebung, begleitet von wundervollen Menschen, herauszufinden, was ich persönlich glaube und mich ganz neu vollkommen selbstständig für meinen Glauben zu entscheiden. Und genau das tat ich an diesem Abend.

Eine der neu gewonnenen Bekanntschaften blieb ebenfalls eine zweite Woche, verbrachte diese allerdings in Stille in einem gesonderten Haus. Sie kam allerdings immer für die Gebete herüber, in denen wir uns regelmäßig unsere Reisetagebücher übergaben, um uns darin gegenseitig kleine Briefe zu schreiben. In ihnen tauschten wir uns über alles aus, was wir erlebten. Da das Ziel der Stille vor allem Entschleunigung und Ruhe ist, in der man Gott näherkommen kann und nicht strickt kein Wort zu sagen, brach sie ihr Schweigen ab. So auch an dem Abend nach meinem Gespräch mit dem Bruder. Wir sprachen über alles, was die Woche über passiert war und bewunderten, wie unmittelbar die Gedanken des Bruders auf Vieles davon anwendbar waren. Ich bin mir sicher, diesen Abend werde ich nicht so bald vergessen. Er hat mich nicht nur einiges gelehrt, sondern meinem wiedergefundenen Glauben, die Möglichkeit gegeben, sich zu festigen. Es war einer dieser Augenblicke voller Glauben, Liebe und Hoffnung, in denen es an nichts fehlte und ich leichten Herzens alles Gottes Händen überlassen konnte.

       Marten Wiemer

Eindrücke in Bildern

Kategorien Aktuelles